Kinderbesuch des Grauens

So einen Kinderbesuch hatten wir noch nie. Sophie*.

Zum Zeitpunkt dieser Begebenheit waren beide Kinder gut vier Jahre alt und Sophie war die große Liebe von Kind groß.  Insgesamt ist sie ein eher ruhiges Kind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich jemals rot vor Wut und schreiend auf dem Fussboden des Supermarktes gewälzt hat, rechts die Backartikel, links die H-Milch, weil die Mama vorgeschlagen hat, Kartoffelpüree zu kochen. Dass sie jemals türeknallend aus dem Wohnzimmer gestürmt ist, nicht ohne ein gebrülltes „Du bist eine ganz blöde Mama!! Du darfst nicht mehr hier wohnen!!!“. Ich bezweifle auch, dass Sophie „das Wort“ kennt.

Sophie ist ganz das Gegenteil von meinem Kind. Sie ist leise, mein Kind ist laut. Sie ist zu ruhig, mein Kind ist zu wild. Sie passen sehr gut zusammen.

Mein Kind war einmal bei ihr zu Besuch und wollte Sophie schon lange auch zu sich einladen. Immer wehrte die Mutter ab. Ich glaube, sie hält uns für einen schlechten Umgang.

Mein Kind aber ist hartnäckig. Nach 10 Mal fragen sagte die Mutter ja.

Aber: Sophie besucht noch nicht alleine. Sie, die Mutter, müsse also mitkommen.

Nun gut, dachte ich. Dann würden die Kinder also nett miteinander spielen, wir Mütter einen Kaffee trinken und versuchen, uns irgendwie zu unterhalten. Ich stellte mich auf einen stinklangweiligen Nachmittag ein.

Es wurde aber ganz anders.

Zunächst saßen wir am Tisch. Sophie auf dem Schoß der Mama. Gut, sie muss erst warm werden mit der fremden Umgebung.

Draussen vor dem Fenster gingen Spaziergänger mit Hunden. Mutter und Tochter schauten zu.

„Kind, zeig doch der Sophie mal dein Zimmer und deine ganzen Spielsachen!“ schlug ich irgendwann vor. „Schau mal Sophie, da ist ein großer Hund!“ lenkte die Mutter das Mädchen ab. Mein Kind stand daneben. Es wollte gerne seine Spielsachen zeigen. Aber es kam nicht dazu. Die Mutter hatte tausend Themen für ihr Töchterchen. Die Hunde vor dem Fenster. Die Kekse auf dem Teller. Die Krümel auf dem Boden.

Ich versuchte es anders. „Sophie, magst du dir mit der Mama zusammen das Kinderzimmer anschauen?“ Das konnte niemand ablehnen.

Und dann saßen sie im Kinderzimmer. Mein Kind, Sophie und ihre Mutter.

„Wie wäre es mit noch nem Kaffee?“ fragte ich. Irgendwie musste ich die Frau doch aus dem Kinderzimmer locken können! Keine Chance. „Schau mal, Sophie, die Spielsachen!“ „Tee?!“ „Oh, eine Eisenbahn!“ Mein Kind saß daneben und schaute leicht verwirrt drein.

Und so war es dann. Die Kinder waren keine Minute allein. Immer war die Mutter dabei. Ich habe es nicht geschafft, sie von ihrer Tochter loszueisen, damit die Kinder in Ruhe miteinander spielen konnten. Was dachte die bloß?

Irgendwann habe ich aufgegeben, gestaunt und mich auch ein bisschen gegruselt. So etwas habe ich bis dahin noch nicht erlebt. Eine Helikopter-Mutter in absoluter Reinform.Sophie und Helikopter

Nach eineinhalb Stunden war der Besuch beendet. Sophie hatte es offenbar gefallen, denn sie fragte sofort, wann sie mein Kind denn wieder besuchen dürfe. „Da müssen wir mal schauen“ sagte ich und dachte nur: auf die Art nie wieder!

Mittlerweile sind Sophie und mein Kind keine dicken Freunde mehr. Warum, weiß ich nicht. Aber ich bin nicht unglücklich darüber.

 

*Sophie heißt in Wahrheit natürlich anders.

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